Offener Brief an den VRR

Lieber VRR,

am Dienstag habe ich über Twitter mitbekommen, daß die Preise für den Nahverkehr in Wuppertal aufgrund des besonders guten Bus- und Bahnangebots erheblich steigen sollen. In Wuppertal soll ab 01.01.2015 das „Premiumticket“ mit dem Preisniveau A3 gelten. Ich habe natürlich sofort auf den Kalender geschaut, weil ich dies für einen Aprilscherz hielt, aber leider haben weitere Recherchen bestätigt, daß Sie „das“ tatsächlich planen.

Schon am 27.06. steht das Thema auf der Tagesordnung und die Vorlage sieht in Ziffer 3 tatsächlich die Einführung der (höheren) Preiskategorie A3 für Wuppertal vor. Begründet wird dies anscheinend vor allem mit dem „dichten und qualitativ hochwertigen, in der Produktion aber kostenintensiven Schienennahverkehr“.

Der VCD spricht in seiner Kritik richtigerweise an, daß es ein Premium-Ticket nur da geben kann, wo auch ein Premium-Angebot besteht. Das sehe ich auch so und möchte Ihnen daher das „Angebot“ in Wuppertal aus meiner Sicht schildern:

Ganz ehrlich, wenn es um die Einordnung des Wuppertal Angebots geht, dann müßte der Preis gesenkt werden. Sie müßten die Stufe A0 einführen. Aber schauen wir auf die Details:

Im Jahr 2012 fielen völlig ohne Vorwanung und ohne Information immer wieder in erheblichem Umfang Busse aus. Sie können sich nicht vorstellen, wie oft ich teure ICE-Tickets zusätzlich bezahlen mußte (statt des günstigen Zusatztickets im Nahverkehr), weil ich sonst nicht rechtzeitig zu einem Termin gekommen wäre. Eine Erstattung kam natürlich nicht infrage, denn die erforderliche Verspätung von „mehr als 20 Minuten“ lag natürlich nicht vor. Dennoch hat das Ausfallen von vielen Bussen immer wieder dazu geführt, daß ich Züge verpaßt habe.

Im März 2013 wurde der Fahrplan erheblich beschränkt. Schon allein in meinem Bereich wurde eine Linie komplett gestrichen (die Linie CE 62), eine Linie auf stündliche Fahrt beschränkt (die Linie 617) und leider wurden die vorhandenen Busverbindungen nicht so gestaltet, daß ein reibungsloser Anschluß an den Bahnverkehr möglich wäre. Ich muß jetzt eine Anreisezeit von mindestens 45 Minuten zum Bahnhof einplanen – wobei ich davon 15 Minuten am Bahnhof warten muß, bis der jeweilige Zug nach Düsseldorf, Köln oder Hagen fährt. Als „attraktiv“ kann ich diese Veränderung nicht bezeichnen.

Auch die Umsteigemöglichkeiten in Richtung Essen sind mühsam. In der Regel wird mir eine Verbindung mit Umsteigemöglichkeit am Hardenberger Hof und an der S-Bahn-Haltestelle Velbert-Rosenhügel angezeigt. Diese Verbindung funktioniert leider selten. Wahlweise tauchen folgende Probleme auf:
– die Linie 649 kommt mit erheblicher Verspätung
– die S9 kommt mit erheblicher Verspätung
– die S9 kommt gar nicht

Auch die Rückfahrt von Essen ist nicht problemlos – insbesondere am Abend habe ich schon mehrfach ohne Busverbindung dagestanden, wobei auch hier mehrere Möglichkeiten bestehen:
– die Linie 649 ist pünktlich und ohne Rücksicht auf das Eintreffen der S-Bahn gefahren
– die Linie 649 ist ausgefallen

Noch unerwähnt: die pragmatische Winterlösung! Natürlich ist es in einer Stadt mit vielen Hügeln in schneereichen Wintern nicht einfach, das Angebot aufrecht zu erhalten. Ganz pragmatisch wurde deshalb im letzten Jahr an allen Haltestellen in meinem Wohngebiet ein Hinweis aufgehangen, daß die Haltestelle bei Winterwetter nicht angefahren wird. Glücklicherweise war der Winter nicht schneereich, sonst hätte ich auf das attraktive Angebot „Wanderschuhe“ zurückgreifen müssen.

Das Sahnehäubchen der Angebots-Attraktivität wird aber erst in diesem Sommer dazukommen: aufgrund des Umbaus des Döppersbergs wird die Busnutzung noch problematischer. Ich mag mir gar nicht vorstellen, welche Verspätungen in der „Einführungsphase“ von mehreren Monaten auftreten werden.

Attraktives Angebot in Wuppertal? Wohl nur, wenn man in Laufnähe des Bahnhofs wohnt. Für alle anderen ist das Angebot einer Großstadt schlicht und einfach nicht würdig. Und jetzt soll ich für dieses verringerte Angebot auch noch mehr Geld bezahlen? Ganz ehrlich: im Vergleich mit Düsseldorf oder Dortmund sehe ich keinen Anlaß für eine Preissteigerung!

Andere Wuppertaler können sicherlich viele Erfahrungen ergänzen. Ich bin ehrlich gesagt nur noch genervt und enttäuscht und wünsche mir deutliche Verbesserungen! Im Moment betreiben Sie in der Tat – wie vom VCD geschrieben – Kostendeckung auf dem Rücken der Fahrgäste. Um Attraktivität des Angebots geht es da leider nicht mehr. Wie wäre es, wenn Sie auch mal wieder an die betroffenen Fahrgäste denken?

Ich war mal eine sehr begeisterte und sehr zufriedene Kundin. Aber seit den Vorgängen in 2012 bin ich „nur noch“ Kundin – statt „Abolust“ empfinde ich immer wieder „Abofrust“. Das können Sie auch in meinen Beiträgen des Jahres 2012 nachlesen. Ja, und genau da machen Sie jetzt erfolgreich weiter!

Enttäuschte Grüße aus Wuppertal
Astrid Christofori

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6 Gedanken zu „Offener Brief an den VRR

  1. Pingback: Die Sache mit der Kundenzufriedenheit …. | Astrids Social Media Tagebuch

  2. Jürgen EIchel

    Sehr geehrte Frau Christofori,

    gut geschrieben; ich habe Ihr Schreiben an die Fraktionen im VRR weiter geleitet, insbesondere auch die Abgeordneten aus Wuppertal:
    Bernhard Simon (CDU),
    Volker Dittgen (SPD),
    Peter Vorsteher (Grüne).
    Adressen inkl. mail finden sich alle beim VRR im Internet.
    In der Sitzung des Tarif- und Marketingausschusses am 19.6. haben Vertreter von CDU und Grünen noch Anfragen in bezug auf das erhöhte Preisniveau A3 bei einzelnen Städten geäußert. Leider hat man sich aber dann auf die Variante verständigt, bei den in Frage kommenden Städten in der Verwaltung nachzufragen, ob sie mit A3 einverstanden sind; ich fürchte, das wird dazu führen, dass alle zustimmen, weil sie die zusätzlichen Einnahmen wollen. Aktuell würde es sich also empfehlen, bei der Stadt nachzufragen (Nahverkehrsbeauftragte, Verkehrsplanung o.ä.), wie sie sich entschieden haben bzw. wenn sie schon ihre Zustimmung gemeldet haben und das am Freitag so beschlossen wird, daruaf zu verweisen, dass ein „Premum-Preisniveau“ auch ein verbessertes Angebot voraussetzt.

    Freundliche Grüße,
    Jürgen Eichel
    Sprecher Verkehrsclub Deutschland (VCD) NRW
    Mitglied im Tarif- und Marketingausschuss im VRR
    http://www.vcd-nrw.de

    Antwort
  3. Pingback: Nachgefragt bei der Verkehrsplanung Wuppertal | Bergisches

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  5. mima

    Da hat man den Tarifabschluss im öffentlichen Dienst weitergegeben (lag bei 5,7%) an die Kunden und zugleich eine Premium-Erhöhung erfunden. Premium bedeutet teurer für das gleiche Geld. Das ist reines Marketing, um zusätzliches Geld zu bekommen.

    Antwort
  6. mikiscom

    Das muss man relativ sehen. Vor ein paar Jahren fuhr ich 3 Jahre lang mit dem Bus 016 von Rheydt (bei Mönchengladbach) nach Korschenbroich, wo ich an der letzten roten Ampel vor dem Bahnhof häufig noch sehen konnte, wie die S8 gerade den Bahnhof verließ. Und wenn die Bahn „unbestimmte Zeit Verspätung“ hatte (auf deutsch: mehrere Bahnen am Stück fallen aus), war marschieren angesagt, weil da Richtung Neuss einfach nix anderes fährt als die Drecks-Bahn, wenn sie denn fährt. Den letzten Bus, der von Büttgen (wo ich früher mal wohne) ein paar mal am Tag nach Neuss fuhr, wurde kurz bevor ich weg zog nach dem „Ausdünnen“ (statt 10x am Tag, nur noch 6x am Tag) ganz abgeschafft.
    Diese Geschichten sind der Hauptgrund warum ich nie wieder nach Büttgen ziehen würde, noch nicht mal wenn ich dafür Geld bekommen würde. Selbst wenn ich ein Auto-Junkie wäre, wäre mir dran gelegen eine vernünftige Busverbindung zu haben. Das Auto kann ja schließlich auch mal in der Werkstatt sein.

    Vorschlag, wenn Sie mehr Zuverlässigkeit, aber weniger laufende Kosten haben wollen: Fahren Sie mit einem 125er Motorroller. Ich kann den Honda PCX empfehlen. Anschaffungskosten ca. 2600 Euro, Versicherung pro Monat ca. 10 Euro, Verbrauch 2,5 Liter / 100 km, Steuerfrei. Ggf. ist noch ein Führerschein nötig falls nicht schon vorhanden. Zumindest von März bis Oktober. Die Winter gehen auch vorüber. Besser „nur“ 4 Monate ärgern, als 12. Ich komme auf durchschnittlich 22 Euro Spritkosten pro Monat. Auch wenn mal wieder Busfahrerstreik / Lokführerstreik ist.

    Antwort

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